Text des Vortrags von Sandrine Olejnik, Leiterin der Terminologieabteilung van der
Eurologos Gruppe, auf dem Kongress der Association Européenne de Terminologie in Paris


GLOBALISIERUNG DER INDUSTRIELLEN MÄRKTEN
UND MEHRSPRACHIGE TERMINOGRAPHIE

ANGEWANDTE TERMINOLOGIE IM DIENST VON ÜBERSETZUNG
UND MEHRSPRACHIGEM EDITING

 

 

Von den Gesetzen des Exports zur Terminiotik.

Die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft und der Märkte führt in allen Ländern unweigerlich dazu, dass die Unternehmen ihre Produkte und Leistungen exportieren müssen. Durch den internationalen Wettbewerb, der daraus resultiert, wird die Kommunikation im Bereich der Werbung und der Technik - für genau jene Produkte und Leistungen - im harten Kampf um Wettbewerbsfähigkeit von grösster Bedeutung.
Die Wörter - d.h. die Faltblätter, die Handbücher, die Werbebroschüren usw. - werden somit immer mehr zu einem Bestandteil dieser Prokukte und Leistungen. Oft stellen sie sogar die entscheidenden Unterscheidungsmerkmale dar.
Die gesicherte Qualität der Technolekte wird von Sprache zu Sprache zur Grundvorraussetzung für die Eroberung aller Märkte. Da die Erfordernisse des Marketing darüberhinaus dazu führen, dass die kommerziellen und für die Werbung angefertigten Übersetzungen immer technischer werden - und andersherum -, sind linguistische Präzision und wirkungsvoller Stil nicht mehr voneinander trennbar und werden zu unumgänglichen Faktoren.

Die Terminotik stellt das allesentscheidende Werkzeug für die Produktion dieser Fülle von neuer kommerzieller und mehrsprachiger Literatur auf notwendigerweise höchstem Niveau dar. Entsprechend der Entwicklung der neuen Technologien, die es ermöglicht haben, die Terminologie mit der Informatik zu verknüpfen (was zur Entstehung der Terminotik geführt hat), hat sich eine - man muss sagen - sehr kleine Elite von Übersetzungsunternehmen herausgebildet, die in Netzwerke und verschiedene Terminologiesoftwareprogramme inverstiert haben. Im Laufe der Jahre scheint sich das Trados System als bevorzugtes System gegenüber den anderen durchgesetzt zu haben.

Nach fast 10 Jahren seit der Einrichtung der ersten Terminologieabteilungen hier nun ein kurzer Überblick über die Hauptprobleme, denen sich die Unternehmen im allgemeinen gegenüber sehen.
Zunächst einmal der Rahmen dieser Entwicklung. Drei Leitlinien scheinen sich für die Marketingstrategien dieser Gruppe von Unternehmen im Hinblick auf die Produktion von Totaler Qualität auf dem Gebiet der Sprachendienste abzuzeichnen. Diese ist mittlerweile zu einer Hauptforderung der Kunden geworden.

 

Die Multinationalisierung der Übersetzungsunternehmen oder die Relokalisierung der Sprachen.

Jedes Übersetzungsunternehmen, das sich auf dem internationalen Markt unter den Marktführern etablieren will, muss im eigenen Interesse Multinational, Mehrsprachig und MultimŽdial sein: Dies sind die sogenannten Unternehmen der Drei M.

Multinationalität: Da die Sprache dort produziert werden muss, wo sie gesprochen wird (die Qualität von Geostil und Produktionskosten verpflichten!), ist es wichtig, dass das Übersetzungsbüro über ein internationales und gut ausgebautes Netz von Zweigstellen verfügt: Die Sprachen müssen relokalisiert werden.

Mehrsprachigkeit: Die Produktion von kommerziellen und Werbetexten wird in zunehmendem Masse mehrsprachig und erfordert die Bildung spezifischer Technolekte unter Verwendung der modernsten Übersetzungstechniken (vor Ort erstellte Terminologie und Übersetzungsspeicher: Auch Geomarketing verpflichtet).

Multimedia: Es reicht nicht mehr aus, einfach Texte zu produzieren, seien sie auch in noch so vielen Sprachen verfasst oder relokalisiert; die Texte müssen auch formatiert werden, um sie auf Papier drucken, auf CD speichern oder, beim Web-Publishing, im Internet installieren zu können: Der Qualitätskontrollprozess muss bis zur Phase der Druckvorstufe andauern, um die Konformität von Text und Layout zu erreichen.

Angesichts der immer technischer werdenden mehrsprachigen Dokumente hat sich der Einsatz linguistischen Engineerings auf ganz natürliche oder in Wahrheit sehr künstliche Weise etabliert, um den Übersetzungsprozess zu vereinfachen. So können die Handbücher, Kataloge und anderen mehrsprachigen Broschüren tatsächlich nicht mehr auf höchstem Niveau übersetzt werden ohne den systematischen Einsatz der entsprechenden, gespeicherten Terminologien.
In enger Zusammenarbeit mit den Kunden muss der Technolekt eines jeden Unternehmens erarbeitet, weiterentwickelt und gesichert werden.
Daher können heute Übersetzer, die bei ihrer Arbeit über Übersetzungsspeicher verfügen, sowohl für phraseologische als auch terminologische Homogenität ihrer Texte garantieren, was gleichbedeutend ist mit einem Zugewinn an Qualität und gesteigerter Produktivität.

 

Trotz allem: Linguistisches Engineering. Und natürlich: Professionalität.

Dennoch verschweigen wir nicht, dass die Einrichtung und die Verwaltung einer Terminologieabteilung innerhalb eines Übersetzungsunternehmens keine ganz einfache Sache ist.
 

  • Als erstes stellt sich das Problem der beträchtlichen Investitionen in terminologische Ausrüstung, in terminologische Software und vor allem in Personal. Dies bleibt ein grosses Hindernis, das nur von wenigen Unternehmen erfolgreich angegangen und überwunden wird. Terminologische Arbeit erfordert eine langjährige intensive Beschäftigung mit dem Gebiet, bevor sie rentabel einsetzbar wird. So müssen die Datenbanken ständig mit validierten Begriffen gespeist werden, bevor sie ihre Effizienz beweisen können. Sie müssen zudem regelmässig "überwacht" werden, um jegliches Problem mit mehrfachen Okkurenzen zu vermeiden, was das grösste Risiko von Datenbanken darstellt, sobald diese eine gewisse Grösse erreicht haben.
     
  • Weiterhin stehen viele Übersetzer der Nützlichkeit der terminologischen Arbeit oft immer noch zweifelnd gegenüber, so dass selbst erfahrene Terminologen Mühe haben, die professionelle und wirtschaftliche Berechtigung ihrer Arbeit zu verteidigen. Dabei beschweren sich Übersetzer immer wieder darüber, dass sie keinen geeigneten Begriff im richtigen Augenblick finden, und wenn denn der Begriff existiert, dann fehlt er in der gewünschten Sprache... Die Sorge um übersetzerische Rentabilität macht ungeduldig, und dies führt wiederum oft zu fataler übereilter Aufgabe.
     
  • Die letzte Schwierigkeit, auf die hingewiesen werden muss, ist die Validierung der Glossare. Damit die von den Terminologen erstellte Begriffsammlung für die Übersetzungen verwendet werden kann, die der Kunde in Auftrag gibt, muss sie von seinen Fachleuten validiert werden. Bekanntlich soll innerhalb eines zu übersetzenden Dokumentes ein Konzept (ein "signifié") nur durch einen einzigen Begriff ("signifiant") bezeichnet werden. Es liegt so also beim Kunden (oder seinen Filialen/Händlern), den "besten" Begriff auszuwählen oder zumindest an seiner definitiven Validierung mitzuarbeiten. Leider leistet der Kunde diese Arbeit nicht immer zügig, sei es aus Mangel an Zeit, Professionalität oder Geld.

Trotz dieser Schwierigkeiten glaube ich weiterhin, dass die Terminologie und in einem weiteren Sinne das linguistische Engineering die Zukunft der Übersetzung darstellt. Da diese Disziplin noch immer relativ unbekannt ist, geht ihr Einzug in die Unternehmen auch noch heute nur langsam voran. So können mit Ausnahme der vornehmlich deutschen und multinationalen Unternehmen, die den Goodwill gewittert haben, der von mehrsprachigen und gut lokalisierten Technolokten ausgeht, bisher nur wenige Firmen in dieses Gebiet investieren, da sich ihr Personal dem häufig entgegenstellt.
Man muss zugeben, dass gerade erst damit begonnen wird, sich um die Einführung der neuen Technologien in einen Beruf, der traditionell - und im übrigen zu Recht - so an Papier und Bleistift gebunden ist, zu bemühen. Nicht nur die Übersetzungsunternehmen, auch die AET und die Übersetzerschulen haben noch alle Hände voll zu tun.